Ferhat Döner in Wien: gut, aber der beste der Welt?
Der Ferhat Döner in Wien gilt als einer der besten überhaupt. Wir haben ihn getestet, und der Preis von damals stimmt so nicht mehr.
Vor kurzem waren wir für ein paar Tage in Wien. Bei solchen Städtetrips testen wir gelegentlich den besten Döner der jeweiligen Stadt, und in Wien soll das der "Ferhat Döner" sein.
Warum ausgerechnet der? Wer nach dem besten Döner in Wien sucht, landet fast immer bei Ferhat, und für viele ist er nicht nur einer der besten, sondern der beste überhaupt. Manche reisen extra aus Deutschland oder der Schweiz an, nur um ihn einmal probiert zu haben.
Bei uns war das anders. Wir waren sowieso da und wollten die Gelegenheit nutzen, der Döner war also ein Programmpunkt und sicher nicht der Grund für die Reise. Das spielt für unsere Bewertung eine grössere Rolle, als es gerade klingt.
Vor Ort merkt man schnell, warum der Laden so bekannt ist. Das Brot wird selbst gebacken und der Joghurt ebenfalls, und viele Zutaten stammen direkt aus Österreich.
Vom kleinen Laden zum bekannten Namen
Hinter Ferhat Döner steht Ferhat Yildirim. Er wuchs in einem Dorf bei Konya auf, wo seine Familie Weizen anbaute und Tiere hielt, und mit siebzehn Jahren kam er nach Wien.
Sein erstes eigenes Lokal eröffnete er 2015 in der Taborstrasse im zweiten Bezirk. Damals hiess der Laden noch "Sen Grill", seinen eigenen Namen gab er dafür bewusst noch nicht her. Zuerst wollte er sicher sein, dass der Döner genau so wird, wie er ihn sich vorgestellt hatte, und erst später wurde aus "Sen Grill" Ferhat.
Das finde ich vorbildlich. Erst prüfen, ob das Produkt den eigenen Ansprüchen genügt, und dann den Namen darüberschreiben. Klüger kann man das kaum machen.
2021 wechselte er in den zehnten Bezirk nach Favoriten, und zwei Jahre später, im Dezember 2023, kam direkt daneben ein deutlich grösseres Lokal dazu, in dem auch wir gegessen haben. Auf rund 400 Quadratmetern gibt es dort etwa neunzig Plätze. Aus einem kleinen Imbiss wurde mit der Zeit ein richtig grosser Betrieb.
Bei der Zubereitung wird ebenfalls vieles in Eigenregie gemacht. Das Fleisch ist österreichisches Weiderind, und die Spiesse bereitet er selbst vor. Gewürzt wird nur mit Salz, gegrillt wird über offenem Holzfeuer statt auf einem Elektrogrill. Auch beim Brot steckt viel Zeit dahinter, der Teig bleibt zwei Tage im Kühlraum, bevor er gebacken wird.
Hier wird also nicht einfach ein fertiger Spiess bestellt und auf den Grill gestellt, und das merkt man beim Essen. Das Fleisch hat einen klaren Eigengeschmack und wirkt nicht wie die fettige Mischung, die man von vielen anderen Dönern kennt.
Was es kostet
Die Auswahl bei Ferhat ist überschaubar. Es gibt den Döner als Sandwich oder als Dürüm, beides kostet gleich viel, und danach geht es nur noch um die Grösse. Die Gewichtsangaben sind Richtwerte:
- Klein, 120 Gramm: 8.50 Euro
- Mittel, 180 Gramm: 12.60 Euro
- Gross, 240 Gramm: 16.90 Euro
Sympathisch finde ich, dass es dabei bleibt. Viele Dönerläden verkaufen dir nebenbei noch Pizza und 500 andere Sachen.
Für unsere zwei Döner und zwei Getränke kamen wir auf ungefähr 23 Euro. Teuer wirkte das auf uns nicht.
In Kommentarspalten wird über diese Preise trotzdem viel diskutiert, und wenn man sich die Entwicklung anschaut, kann man das nachvollziehen. Als Ferhat Ende 2023 bekannt wurde, kostete das kleine Sandwich noch 5.60 Euro. Genau dieser Preis machte die Sache damals so interessant, denn man bekam selbst gebackenes Brot und österreichisches Weiderind für etwa dasselbe wie beim gewöhnlichen Dönerladen um die Ecke.
Heute kostet dieselbe Grösse 8.50 Euro, also rund fünfzig Prozent mehr. Der Döner ist grundsätzlich noch derselbe, das Preis-Leistungs-Verhältnis ist es nicht.
Und die Listen, die ihn zum besten Döner erklären, stammen grösstenteils noch aus der 5.60-Euro-Zeit. Sie bewerten ein Angebot, das es so nicht mehr gibt.
Yildirim selbst versteckt sich vor der Debatte nicht. "Ein guter Döner müsste eigentlich 10 Euro kosten. Mehr sogar", sagte er 2024 in einem Interview. Für ihn ist das eine Frage der Qualität und nicht der Marge.
Aus Schweizer Sicht sieht die Rechnung wiederum anders aus. 8.50 Euro sind rund acht Franken. Für einen normalen Döner bezahlt man in Zürich schnell zwölf bis vierzehn Franken, und vergleichbare Läden mit eigenem Brot und richtigem Fleisch liegen bei 17.90 oder höher.
Für mich fühlte sich Ferhat deshalb trotz der Erhöhung günstig an. Das liegt aber nicht am Preis, sondern an meinem Vergleichsmassstab. Ausserhalb der Schweiz kommt einem ein Döner fast automatisch billig vor.
Die Schlange gehört dazu
Vor Ferhat wartet fast immer jemand. Eine halbe Stunde scheint normal zu sein, teilweise liest man auch von fünfundvierzig Minuten. Immerhin gibt es anscheinend Tee, was das Ganze etwas angenehmer machen soll. "Abwarten und Tee trinken" ist hier also Programm.
Auch wir haben uns angestellt, eben das, was brave Touristen so machen. Lange gestanden sind wir dann aber nicht, denn eine Mitarbeiterin hat mich gesehen und bestand darauf, dass wir nach vorne kommen.
Hier kam also der Blindenbonus ins Spiel. Gut gemeint, ohne Frage. Nur hatte ich nicht gefragt. Für uns war die Situation unangenehm, vor allem für meine Freundin, weil wir auf dem Weg nach vorne mit Blicken durchlöchert wurden.
Das ist die Sorte Hilfe, über die man schlecht meckern kann, weil sie freundlich ist. Sie fragt nur nicht nach, ob man sie will.
Für meine Bewertung spielt das eine Rolle, denn bei Ferhat liest man sehr oft, dass sich die lange Wartezeit am Ende gelohnt habe. Genau das kann ich nach unserem Besuch nicht beurteilen, weil wir sie gar nicht erlebt haben. Ich habe einen Döner gegessen, alle anderen essen einen Döner plus Pilgerfahrt.
Das Brot überzeugt, bei der Sauce fehlt etwas
Eine Sache ist mir besonders positiv aufgefallen, weil sie bei vielen anderen Läden schiefgeht: Das Brot war nicht vollgestopft, sondern genau so gefüllt, dass man den Döner problemlos essen konnte. Und es war knusprig.
Das klingt nach einer Kleinigkeit, macht beim Essen aber einen grossen Unterschied. Wird zu viel hineingepresst, weicht das Brot durch, und spätestens nach ein paar Bissen sammelt man die Hälfte aus dem Papier. Bei Ferhat blieb es bis zum letzten Bissen stabil.
Das passt zur Idee hinter dem Laden. Beim Fleisch wird bewusst auf starke Würzung verzichtet, und beim Befüllen versucht offenbar niemand, möglichst viel unterzubringen. Jede Zutat soll ihren Platz haben.
Bei der Sauce war ich weniger überzeugt, denn geschmacklich blieb sie mir zu weit im Hintergrund. An der Menge lag es nicht, davon war reichlich da. Sie ist einfach da und tut nichts, und neben dem kräftigen Fleisch wirkte sie belanglos.
Gerade bei Ferhat fällt das auf, weil das ganze Konzept darauf beruht, gute Zutaten möglichst wenig zu verändern. Ferhat Yildirim verkaufte seinen Döner anfangs sogar ganz ohne Sauce, weil gutes Fleisch seiner Meinung nach keine braucht, die den Geschmack überdeckt. Beim Fleisch kann ich das nachvollziehen, dort funktioniert die Einfachheit wirklich.
Nur gehört die Sauce mittlerweile eben doch dazu. Und wenn man sich für eine entscheidet, sollte sie dem Döner etwas geben, das vorher gefehlt hat. Diesen Eindruck hatte ich nicht.
Bei einem normalen Dönerladen würde ich darüber nicht lange nachdenken. Aber wenn ein Laden genau damit bekannt geworden ist, dass jedes Teil bewusst ausgewählt und zubereitet wird, fallen auch kleine Schwächen stärker auf.
Ist das wirklich der beste Döner?
Ob Ferhat der beste Döner Wiens ist, kann ich nach einem Besuch nicht sagen. Ich habe nur diesen einen probiert, und er war gut.
Ich glaube, da spielt auch die Psyche mit. Wenn du lange angestanden bist, willst du hinterher nicht sagen, okay, der Döner war solide. Die Wartezeit verfälscht das Urteil, ohne dass man es merkt.
Schwieriger finde ich die Listen und Videos, in denen genau das eindeutig behauptet wird. Denn dort wird am Ende mehr bewertet als das Essen.
Viele fahren extra nach Wien, warten eine halbe Stunde vor dem Laden und haben vorher zahlreiche Videos gesehen, in denen Ferhat als einer der besten Döner überhaupt bezeichnet wird. Der Aufwand redet beim Urteil mit.
Bei uns fiel genau dieser Teil weg. Keine Anreise, kein Anstehen. Es gab nichts, was aus dem Besuch automatisch ein Erlebnis gemacht hätte.
Übrig blieb der Döner selbst, und der ist definitiv gut. Das Brot gehört zu den besten, die ich je bei einem Döner hatte, und beim Fleisch merkt man den Aufwand.
Trotzdem hatte ich hinterher nicht das Gefühl, den besten Döner der Welt gegessen zu haben. Dafür war der Abstand zu anderen wirklich guten Dönern zu klein, und ich würde keine eigene Reise nach Wien planen, nur um ihn nochmal zu essen.
Mos Punkteskala
Für meine Bewertungen benutze ich eine eigene Punkteskala, privat genauso wie im Restaurant. Beim eigenen Kochen sowieso. Sie reicht von eins bis zehn. Zehn steht für ein aussergewöhnlich gutes Essen, eins dafür, dass es wirklich schlecht war.
Ferhat bekommt von mir sieben von zehn Punkten.
Eine Sieben ist bei mir eine gute Bewertung und kein Verriss. Acht Punkte habe ich in Zürich schon vergeben, eine Zehn dagegen noch nie.
Und ich bin dabei ehrlich, auch wenn es unangenehm wird. Genau deswegen fragen mich Leute überhaupt nach meiner Bewertung. Sie wissen, dass ich sie nicht anlüge.
Also hinfahren?
Wenn du sowieso in Wien bist, ja. Wenn du wegen des Döners nach Wien fahren willst, eher nicht.
Ferhat Döner, Favoritenstrasse 94, 1100 Wien. Täglich von 11 bis 22 Uhr.