Mit der Bahn durchs Leben, warum ich Flughäfen lieber meide

Warum ich als blinde Person lieber Bahn fahre als fliege: über verpasste Flüge, Flughafenassistenz, Selbstständigkeit und die beruhigende Logik eines Perrons.

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Leere Flughafenhalle bei Nacht. Eine Figur mit Blindenstock sitzt auf einem Koffer, draussen hebt ein Flugzeug ab, darüber kosmische Zahnräder am Sternenhimmel.

Ich fahre gerne Bahn, aber nicht um die schöne Aussicht zu geniessen und auch nicht, um über die Deutsche Bahn zu schimpfen. Die Umwelt ist natürlich ein valider Grund für meine Vorliebe für Zugfahrten, aber bei Weitem nicht der einzige. Besonders für Reisen in Städte wie Berlin oder Wien erweist sich die Bahn als mein Transportmittel der Wahl. Für mich muss sich eine Reise lohnen. Nicht nur wegen der Dauer, sondern im dümmsten Fall sogar wegen des Todes. Das klingt jetzt vielleicht etwas makaber, also lasst mich das genauer ausführen.

Steigt man in ein Flugzeug, befindet man sich im Handumdrehen in einer Grossmetropole. Sollte man dabei unglücklicherweise das Zeitliche segnen, erscheint dieser Tod geradezu verschwendet. Bei einem langen Flug nach Australien hingegen könnte man argumentieren, dass sich die Reise in zweifacher Hinsicht gelohnt hätte. Einerseits wegen der beachtlichen Distanz und andererseits wegen der Tatsache, dass der Tod in solch einem Fall irgendwie ein kleines bisschen sinnvoller erscheint. Ja ich weiss, dieses Gedankenspiel hat gewisse Lücken. Aber man stelle sich doch nur mal einen begnadeten Koch vor, der im Jenseits lautstark lamentiert, er habe auf einem läppischen Kurzstreckenflug nach London den Kochlöffel abgegeben. Kopfschmerzen bei den himmlischen Zuhörern sind da vorprogrammiert, wobei wir mal dahingestellt lassen, ob man im Jenseits tatsächlich Kopfschmerzen verspüren kann.

Ein weiterer wesentlicher Aspekt ist meine Selbstständigkeit als vollblinde Person. Bei Flugreisen muss ich mindestens hundert Minuten vor Abflug am Flughafen erscheinen und dann artig warten, bis der Abholservice kommt. Erst kürzlich wurde ich dabei schlichtweg komplett vergessen. Man versicherte mir im Nachhinein, es läge am brandneuen System des Flughafens Zürich.

Fast zweimal verpasst in 24 Stunden

Man holte mich schliesslich doch noch ab, aber eben ziemlich spät. Als wir dann endlich am Gate eintrafen, ist der Flieger just in diesem Moment vor unserer Nase abgehoben. Folglich wurde mir ein alternativer Flug zugewiesen, bis zu dessen Abflug noch einmal etwa fünf zähe Stunden vergingen. Geschenkt, denn Warten zählt zu meinen grössten Stärken, zumindest in einer Parallelwelt, in der ich ein buddhistischer Fahrplan bin.

Um 21 Uhr war der neue Abflug angesetzt. Als kurz nach 20 Uhr aber noch immer niemand auftauchte, wurde ich langsam richtig unruhig. Sollte das Universum jetzt wirklich etwas Einmaliges erleben und einen Menschen sehen, der innerhalb von 24 Stunden gleich zweimal seinen Flug verpasst? Irgendwie klang das kosmisch komplett falsch. Würde so etwas nicht das sensible Gleichgewicht des Universums komplett auf den Kopf stellen? Vielleicht würde es am Ende sogar dazu führen, dass friedliche Vegetarier plötzlich den Metzger eures Vertrauens überfallen. Eine solch gewaltige Verantwortung konnte und wollte ich nicht auf mich nehmen, also widmete ich mich aktiv der Problemlösung.

Gegen zwanzig nach acht sprach ich zwei freundliche Damen direkt auf meine wachsende Besorgnis an, meinen Flug zu verpassen. Sie begleiteten mich dankenswerterweise sofort bis zum Gate, wo uns direkt die nächste unerfreuliche Überraschung erwartete. Mein Name glänzte nämlich durch absolute Abwesenheit auf der Passagierliste. Man wollte es also wirklich spannend machen. Glücklicherweise durfte ich dann nach einigem Hin und Her doch noch mitfliegen. Ich bin aber absolut überzeugt davon, dass ich erneut vergessen worden wäre, hätte ich nicht selbst rechtzeitig die Initiative ergriffen.

Warum also die Bahn

Ein grosses Problem von fehlender Sehkraft ist, nun ja, schlichtweg die fehlende Sehkraft. Besonders deutlich zeigt sich dies an völlig unbekannten Orten, da man dort unweigerlich auf fremde Hilfe angewiesen ist. Man bemerkt als blinde Person im lauten Flughafentrubel schliesslich nicht, ob der Mensch, der da gerade hektisch an einem vorbeieilt, ein gestresster Mitreisender oder der rettende Mitarbeiter in seiner Uniform ist.

Bei der Bahn ist das eine komplett andere Geschichte. Der Zug kommt zu dir und nicht umgekehrt. Man weiss genau, wo man auf dem Perron steht, und man bleibt einfach dort, bis er endlich eintrifft. Die Sitze sind zudem oft in Blindenschrift angeschrieben, zumindest auf den internationalen Strecken.

Die Bahn ist nicht perfekt, aber sie gibt mir mehr Kontrolle, mehr Ruhe und das Gefühl, nicht erst abgeholt werden zu müssen, um überhaupt reisen zu dürfen. Und manchmal reicht genau das.