Warum das neue Siri in der EU stockt und in der Schweiz trotzdem kommt

Apple liefert das neue Siri in der EU nicht aus und beruft sich auf den Digital Markets Act. Warum die Schweiz es trotzdem bekommt, ordnen wir ein.

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Smartphone mit geteiltem Bildschirm. Links der Sprachassistent grau hinter einem Ring aus EU-Sternen, rechts leuchtet er hell vor Schweizer Bergen mit rotem Kreuz.

Wer Siri kennt, muss gestehen, dass Siri der dümmste Assistent ist, den es aktuell gibt. Siri ist grossartig, wenn sie meinen Wecker stellen muss, das macht sie auch, jedenfalls zu 80% reibungslos. Bei allem darüber hinaus wird es schnell zäh, und genau deshalb war die Ankündigung an der WWDC so eine grosse Sache.

Am 8. Juni 2026 hat Apple dort das grösste Siri-Update seit Jahren gezeigt. Ein Assistent, der Aufgaben über mehrere Apps hinweg erledigt und dabei den Bildschirminhalt versteht. Noch am selben Tag stand fest, dass über 450 Millionen Menschen in der EU dieses Siri auf iPhone und iPad vorerst nicht bekommen. Apple nennt einen Grund, den Digital Markets Act. Die EU-Kommission widerspricht und sagt, schuld sei allein Apple. Das klingt ein wenig, wie wenn meine Neffen und Nichten streiten und jeder behauptet, recht zu haben. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen und das macht den Fall interessant. Und warum ausgerechnet wir in der Schweiz das neue Siri trotzdem bekommen, dazu kommen wir noch.

Was an der WWDC geschah

Apple hat klar kommuniziert, was passiert. In der EU bleibt das neue Siri auf iPhone und iPad aussen vor, und auch die Apple Watch fällt aus, weil sie das gekoppelte iPhone braucht. Auf dem Mac und der Vision Pro kommt es dagegen sehr wohl. Die Frage ist warum. Um diese Frage zu klären, müssen wir uns anschauen, was der Digital Markets Act ist.

Digital Markets Act

Grundsätzlich soll dieser Act die Macht der Grossen beschränken. Früher vergingen oft Jahre, bis die EU ein Wettbewerbsverfahren wegen Marktmissbrauch durchgezogen hatte, in der Zwischenzeit gingen Startups pleite. Genau dieses Zu-spät-Kommen des klassischen Kartellrechts war das Hauptargument für den neuen Ansatz.

Statt im Nachhinein einzelne Verstösse zu ahnden, setzt der DMA vorab feste Regeln für sogenannte Torwächter, um digitale Märkte bestreitbar zu halten. Wer oder was sind diese "Torwächter"? Im Original heissen sie Gatekeeper, die deutsche Fassung des Gesetzes sagt Torwächter. Das klingt nach einem Bestseller-Roman, hier muss ich dich aber enttäuschen. Das sind sehr mächtige Digitalunternehmen, deren Plattform für andere Unternehmen kaum zu umgehen ist. Man kann sich eine solche Plattform wie den Eingang zu einem grossen Einkaufszentrum vorstellen. Wer viele Kundinnen und Kunden erreichen möchte, muss durch dieses Tor. Das Unternehmen, dem das Tor gehört, bestimmt, wer hineinkommt und welche Regeln dort gelten. Typische zentrale Plattformdienste sind Suchmaschinen, App-Stores, soziale Netzwerke, Messenger oder Betriebssysteme.

Wichtig ist: Nicht das gesamte Unternehmen unterliegt mit allen seinen Tätigkeiten dem DMA. Die Europäische Kommission stuft ein Unternehmen nur dann als Torwächter ein, wenn ein Dienst den EU-Binnenmarkt dauerhaft prägt und für andere Firmen praktisch das einzige Tor zu den Nutzern bildet. Dazu kommen noch feste Zahlenwerte, auf die wir hier aber nicht weiter eingehen.

Im Zentrum des Streits steht die Interoperabilität nach Art. 6 Abs. 7 DMA. Vereinfacht gesagt, wenn Siri auf deinen Kalender zugreifen, deine Nachrichten lesen, deine Fotos sehen und fremde Apps steuern darf, dann müssen konkurrierende Assistenten denselben Zugang bekommen, zu fairen und diskriminierungsfreien Bedingungen. Du selbst sollst entscheiden, ob du mit Siri arbeitest oder mit einem anderen Tool. Wer einen besseren Assistenten baut, soll diesen auch auf das iPhone bringen können.

Damit löst sich das Rätsel. Apple ist unter dem DMA als Torwächter benannt, und zwar für zentrale Plattformdienste wie iOS und iPadOS. Genau dort greifen die Pflichten. Der Mac mit macOS gehört nicht zu diesen Diensten und spielt in Europa eine viel kleinere Rolle. Deshalb darf das neue Siri dort laufen, ohne dass Apple es für fremde Assistenten öffnen muss. Yes, geschafft!

Apples Einwand

Bleibt die grössere Frage. Auf dem iPhone müsste Apple die geforderte Interoperabilität nur umsetzen, dann käme Siri auch dort. Warum tut Apple das nicht?

Apple argumentiert mit Sicherheit: Ein persönlicher Assistent ist die intimste Software auf dem Gerät. Er sieht deine Nachrichten, kennt deinen Standort, liest deine Fotos und greift in deine Apps. Wenn der DMA verlangt, dass jeder fremde Assistent denselben Tiefzugriff erhält, dann öffnet das eine Angriffsfläche, die qualitativ etwas anderes ist als die Wahl eines anderen Browsers.

Apple sagt, es habe eine Lösung gebaut, einen Trusted System Agent, also eine Zwischenschicht, über die andere Assistenten dieselben Fähigkeiten sicher nutzen könnten. Dazu verlangte Apple eine Übergangsfrist von achtzehn Monaten, um das sauber auszurollen. Dass Interoperabilität für einen tief integrierten KI-Assistenten technisch Neuland ist und nicht über Nacht sicher gelingt, lässt sich schwer bestreiten.

Wo das Argument bröckelt

Nur trägt die reine Sicherheitserzählung nicht bis zum Schluss. Am 9. Juni 2026 hat die Kommission öffentlich nachgelegt. Nach Darstellung von Sprecher Thomas Regnier ist die Entscheidung, Siri in der EU zurückzuhalten, "Apples und nur Apples". Apple habe gar keine fertige, prüfbare Lösung eingereicht, sondern bloss eine pauschale Ausnahme von achtzehn Monaten verlangt, und die wurde abgelehnt.

Der Mac wird in der Debatte gern als Gegenbeweis angeführt, dort läuft Siri ja auch. Das greift zu kurz. Auf dem Mac muss Apple keinen fremden Assistenten hereinlassen, es liefert nur sein eigenes Siri. Der Mac zeigt also nicht, dass die Öffnung für Dritte ungefährlich wäre. Er zeigt etwas anderes, nämlich dass Apples Rückzug der Logik des DMA folgt und nicht der Technik. Apple liefert überall dort, wo es nicht zur Öffnung gezwungen wird, und blockt genau dort, wo der DMA greift.

Damit steht Aussage gegen Aussage. Apple rahmt den Rückzug als Sicherheitsvorsicht, die Kommission als geschäftliche Wahl und Verhandlungsdruck. Wer auf der Strecke bleibt, sind die EU-Nutzer.

OpenAI im Abseits

OpenAI hat mit ChatGPT das KI-Zeitalter eingeleitet, und jeder kennt ChatGPT. Für OpenAI wäre es ein Meilenstein, wenn sich Apple an den DMA halten würde. Sie wären auf einen Schlag auch in diesem Game drin, denn sie sehen ihre App als Allzweck-Taschenmesser.

Bei Google geht die EU den umgekehrten Weg. Im Januar 2026 hat die Kommission ein Verfahren eröffnet, das Google dazu bringen soll, Android für fremde KI-Assistenten zu öffnen, damit ChatGPT oder Claude denselben tiefen Zugriff bekommen wie Googles eigenes Gemini. Die vorläufigen Vorgaben liegen seit April auf dem Tisch, eine Entscheidung soll bis Ende Juli 2026 fallen.

Und die Schweiz?

Für die Schweiz drehen wir den EU-Fall um.

In der EU hat Apple das neue Siri auf dem iPhone zurückgehalten, um genau diese Öffnung zu vermeiden. Lieber gar kein neues Siri als ein Siri, neben das jeder fremde Assistent gleichberechtigt treten darf. Die Pflicht zur Öffnung ist also der eigentliche Grund, warum die EU leer ausgeht.

Die Schweiz hat diese Pflicht nicht, weil der DMA hier nicht gilt. Damit fällt für Apple der Grund weg, etwas zurückzuhalten. Also bringt Apple das neue Siri ganz normal aufs Schweizer iPhone, sobald iOS 27 erscheint, zuerst als Beta auf Englisch, später in weiteren Sprachen. Stell dir die Grenze bei Konstanz vor. Der Nachbar auf der deutschen Seite schaut auf seinem iPhone in die Röhre, ein paar Kilometer weiter in Kreuzlingen läuft dasselbe Siri. Gleiches Gerät, andere Landkarte.

Das hat eine Kehrseite. Die Pflicht zur Öffnung ist für die EU-Nutzer nicht nur Ärger, sondern auch ein Recht. Das Recht, einen anderen Assistenten gleichberechtigt neben Siri zu setzen, oder Apps von ausserhalb des App Stores zu laden. Dieses Recht hast du in der Schweiz nicht. Du bekommst das fertige Apple-Produkt, aber nicht den offenen Markt drumherum.

Vielleicht liefert Apple die Öffnung ja freiwillig mit, einfach weil zwei getrennte Welten mehr Aufwand sind. Bei manchen Konzernen ist das so. Eine Schweizer Studie hat genau das nachgemessen. Meta und Microsoft ziehen ihre DMA-Anpassungen freiwillig auf die Schweiz nach, Apple und Google tun das nicht. Ausgerechnet bei Apple bleibt es also beim geschlossenen System.

Die Schweiz liegt ausserhalb des territorialen Anwendungsbereichs des DMA. Sie profitiert teilweise freiwillig von dessen Brüssel-Effekt, kann die entsprechenden Rechte aber nicht aufgrund des DMA einklagen. Eine eigene Schweizer Antwort auf den DMA gibt es nicht. Die Plattform-Vorlage des Bundes von 2025 betrifft Kommunikationsplattformen und Suchmaschinen, also den Umgang mit Inhalten und mehr Transparenz, nicht die wettbewerbsrechtliche Öffnung von Betriebssystemen. Mit dem Siri-Fall hat sie wenig zu tun.

Fazit

Lohnt sich ein Gesetz wie der DMA? Dafür spricht einiges.

  • Tempo. Das alte Kartellrecht braucht Jahre, bis ein Verfahren durch ist, und bis dahin ist der kleine Konkurrent längst weg. Der DMA setzt die Regeln vorab, sie greifen, bevor der Schaden entsteht.
  • Wahlfreiheit. Wo ein Torwächter öffnen muss, bist du nicht mehr an seine Voreinstellung gefesselt. Du kannst den Assistenten oder den App-Store wechseln, und wer etwas Besseres baut, kommt überhaupt erst an die Nutzer heran.

Dagegen spricht ebenso viel.

  • Eingriff ins Geschäftsmodell. Der DMA greift tief in die unternehmerische Freiheit ein. Muss Apple sein geschlossenes System öffnen, kann das neue Sicherheitslücken reissen, etwa durch App-Stores mit lascheren Prüfregeln. Was als Verbraucherschutz gedacht ist, kann den Nutzern am Ende auch schaden.
  • Pauschal statt Einzelfall. Vereinfacht gesagt greift der DMA bei sehr grossen Plattformunternehmen, die bestimmte Schwellenwerte erreichen, egal ob im konkreten Fall überhaupt ein Wettbewerbsproblem vorliegt. Das klassische Kartellrecht prüft den Einzelfall, der DMA reguliert nach Grösse. Manche nennen das eine "Lex Big Tech", die vor allem amerikanische Konzerne trifft und Innovationsanreize dämpfen könnte.

Der Siri-Streit führt beide Schwächen vor. Jetzt meine Meinung, und die ist klar.

Das Ziel des DMA ist verständlich. Kleine Startups sollen vor den Grossen geschützt werden, es soll fairen Wettbewerb geben. Aber Hand aufs Herz: Haben wir in Europa überhaupt einen eigenen Player? Eine KI, die auf Konsumergeräte kommt? Nein, so ehrlich muss man sein. Ich sehe beim besten Willen nicht, wo hier fairer Wettbewerb entstehen soll. Hätten wir einen solchen Player, würde ich sagen, ja, das müssen wir unbedingt machen.

Dazu kommt: Als Apple-Jünger hat man sich ganz bewusst für diese eine Firma entschieden. Man könnte jetzt entgegnen, du hättest doch die Wahl. Mag sein. Aber ich habe mich für Apple entschieden, die Wahl ist getroffen. Wer es offener will, kauft Android, das wenigstens halboffen ist. Diese Wahl gibt es längst. Und die Schweiz steht am Ende bequem da, nur eben aus Zufall, nicht aus Verdienst.