Ich hasse Steuern: Also habe ich sie delegiert, an eine KI
Ein Selbstversuch mit zwei kleinen Tests, die die KI bei mir bestehen musste.
Vorweg: Ich wollte ein kleines Experiment starten, ob ich Arbeit, die ich mehr als alles hasse, an die KI delegieren kann. Wichtig ist hier zu erwähnen, dass das Steueramt gute Arbeit macht. Man kann seine Steuern grundsätzlich gut alleine ausfüllen, auch als blinder Mensch, sofern man sich gerne mit solchen Themen beschäftigt. Ich gehöre definitiv nicht zu dieser Sorte. Ich gehöre zu der Sorte, die lieber einen Caprese Salat essen geht, zurückkommt, und die unschöne Arbeit ist erledigt. Zudem höre ich von manchen Leuten, KI sei kein Zeitgewinn. Pustekuchen.
Was habe ich gemacht?
Ich habe Claude alle Unterlagen gegeben, die ich für meine Steuererklärung brauche. Modell Fable 5 und Opus 4.8, Thinking Level max. Claude hat die Online-Steuererklärung des Kantons geöffnet, ZHprivateTax, und angefangen, Feld für Feld auszufüllen. Hier kommt dem Kanton tatsächlich zugute, dass die Applikation auch mit dem Screenreader gut bedienbar ist. Mein Eindruck ist: Je besser eine Webapplikation mit dem Screenreader funktioniert, desto besser ist sie auch für LLMs.
Wo für die KI etwas unklar war, hat sie nachgefragt, statt einfach zu raten.
Zu Beginn habe ich beiläufig erwähnt, dass ich blind bin. Opus war schlau genug, von sich aus nach behindertenspezifischen Kosten zu fragen. Das war mein erster Test, und er hat ihn mit Bravour bestanden. Denn genau dort liegt bares Geld, und genau das übersieht man als Laie am schnellsten.
Der zweite Test war gemeiner. Ich habe ihm einen Kontoauszug aus dem falschen Jahr untergeschoben, einen von 2024 statt 2025. Ich wollte sehen, ob die Maschine reagiert oder ob sie blind übernimmt, was der Blinde ihr sagt. Sie hat reagiert. Opus hat das falsche Jahr sofort bemerkt, freundlich darauf hingewiesen und den richtigen Auszug verlangt. Test zwei bestanden mit einer schweizerischen 6, und ich war ehrlich beeindruckt.
Wo es dann doch hakte
Damit kein Werbeprospekt daraus wird, auch der unangenehme Teil.
Beim allerersten Anlauf ging der KI mitten in der Arbeit die Puste aus, das Kontingent war leer. Das hat mich ehrlich gesagt überrascht, da ich einen Maxplan habe. Schuld war Fable 5, Anthropics brandneues Modell vom 09.06.2026, das Token schneller verbrennt, als man Steuererklärung sagen kann. Also bin ich auf Opus 4.8 umgestiegen, mit dem oben alles lief.
Am nächsten Tag hat Opus dort weitergemacht, wo Schluss war, und dabei einen Patzer seines grossen Bruders entdeckt, eine falsch eingestufte Pauschale. Es hat im Merkblatt des Steueramts nachgeschaut und sie korrigiert. Schön, und zugleich der Grund, warum man einer KI nicht blind vertrauen sollte. Ausser mir, blind vertrauen ist bei mir sozusagen Heimspiel.
Der fiesere Moment kam zum Schluss. Die fertige Erklärung liess sich partout nicht einreichen, der Knopf blieb grau, also inaktiv. Der Fehler steckte im Wertschriftenverzeichnis, wo Fable 5 eine völlig überflüssige leere Zeile hinterlassen hatte. Ich bin nicht auf den Fehler gekommen, Opus auch nicht. Nach ein paar Minuten Fluchen und einem milch- und zuckerfreien Kaffee konnten wir das Problem finden. Falls eine Definition für Teamwork fehlt, hier ist sie. Am Ende habe ich die Steuererklärung einreichen können.
Was es nicht ist
Damit wir uns richtig verstehen. Ich bin jetzt kein Treuhänder, und die KI ist kein zugelassener Steuerberater. Trotzdem: Bisher habe ich für genau diese Aufgabe jemanden bezahlt, knapp 100 Franken, also rund 7 Döner. Diesmal habe ich nach gut zwei Stunden selbst auf Einreichen geklickt.
Das Amt hat noch nichts bestätigt, bis die definitive Einschätzung kommt, dauert es im Kanton Zürich locker ein halbes Jahr, eher mehr. Der echte Beweis steht also noch aus. Und mein Fall war einfach gestrickt. Bei drei Liegenschaften und einem verschachtelten Depot würde ich anders reden.
Und ja, die Zahlen stimmen, ich habe sie manuell geprüft. Opus hat nichts erfunden, daher bin ich optimistisch, dass das problemlos durchgeht.
Mein Punkt
Mich hat das, um ehrlich zu sein, sehr beeindruckt. Ich bin von Haus aus ein KI-Optimist, das muss man natürlich auch ergänzen. Wenn eine Maschine die langweilige Fleissarbeit übernimmt und sich nicht einmal von mir zu einem falschen Jahr überreden lässt, dann verschiebt sich die Frage. Der Wert eines guten Beraters liegt im kniffligen Fall und im Urteil, das Erfahrung gibt. Er liegt nicht im Abtippen von Zahlen. Ich will hier auf gar keinen Fall Steuerberater schlechtreden oder dergleichen, ich mache gerne Experimente, das war wieder eines.
Und noch einige Worte zum Datenschutz
Mir ist klar, dass sich aus einer Steuererklärung samt Kontoauszügen ein ziemlich detailliertes Profil erstellen liesse. Die entscheidende Frage ist für mich aber nicht, was theoretisch möglich ist, sondern wie wahrscheinlich ein konkreter Schaden ist. Damit mir aus diesen Daten tatsächlich ein Nachteil entsteht, müsste jemand Zugriff darauf erhalten, sie gezielt verknüpfen, ein Interesse an meiner Person haben und das Ergebnis gegen mich verwenden. Dieses Restrisiko halte ich bei einem grossen KI-Anbieter für sehr unwahrscheinlich. Dazu kommt, dass ich das Training mit meinen Daten abschalten kann und die Chats dann nach 30 Tagen gelöscht werden. Für mich überwiegt der Nutzen um ein Vielfaches. Schlussendlich muss jeder für sich entscheiden, wie viel er in eine KI eingibt.
Und um die wichtigste Frage des Beitrags zu beantworten: Habe ich einen Caprese Salat gegessen? Ja ...